«Ich hoffe, dass in Bern das Bewusstsein reift», appellierte am Montag Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) vor den Medien an die Bevölkerung. Nämlich jenes Bewusstsein, dass es für die Stadt gut ist, wenn an zentralen, gut erschlossenen Lagen neue Wohnungen gebaut werden. In Holligen möchte Tschäppät einen weiteren Schritt von den momentan 132'000 in Richtung der angepeilten 140'000 Einwohnerinnen und Einwohner machen: 190 Wohnungen sollen in den nächsten Jahren acht Tramminuten vom Bahnhof entfernt entstehen. An der Mutachstrasse ist die Stadt Grundeigentümerin, an der Holligenstrasse möchte eine Erbengemeinschaft ihren Boden bebauen. Im Mai können die Stimmbürger über die Umzonung befinden. Davor wird der Stadtrat die Vorlage diskutieren.
«Es gibt fast nur Gewinner», ist Tschäppät überzeugt. Die Anwohner profitieren von der Aufwertung des Gebiets, einem breiteren Wohnungsangebot und der besseren Durchmischung der Bevölkerung, die Zuzüger von mehr Familienwohnungen und die Stadt von zusätzlichen Steuerzahlern.
Schrebergärten verlegen
Die Grünfläche bleibt laut dem neuen Stadtplaner Mark Werren zu vier Fünfteln erhalten. Sie werde gar schrittweise zu einem Park aufgewertet. Die 117 Parzellen des Schrebergartens zwischen Schloss- und Mutachstrasse müssen zwar alle weichen, wie Tschäppät klarstellt. Für zwei Drittel gebe es aber Ersatz auf Stadtgebiet – vor allem im Bottigenmoos und zum Teil an der Könizstrasse. Dies entspreche etwa jenem Anteil der Parzellen, die von Quartierbewohnern bewirtschaftet würden.
Doch Tschäppät gibt sich keinen Illusionen hin. «Was sich eingebürgert hat, ist fest zementiert, ja fast betoniert», meinte er lakonisch. Selbst wenn der jetzige Standort schon lange für die spätere Bebauung vorgesehen gewesen sei. «Die Schrebergärten sind als mobile Nutzung gedacht gewesen.» Neben den Schrebergärtnern und der Grünen Partei Bern bekämpft auch die SP-Sektion Holligen, also Tschäppäts Parteifreunde, das Vorhaben. Einsprachen werden zu Verzögerungen führen.
Innovatives Wohnen
Tschäppät rührte umso mehr die Werbetrommel: An Kreuzungen sieht die Überbauungsordnung Kernzonen vor, die Quartierläden ermöglichen. Zwischen Mutachstrasse und Schlossstrasse würde der hintere Teil überbaut. Noch besteht kein Projekt, doch Stadtplaner Werren geht wegen der vorgeschriebenen Maximalhöhe von viergeschossigen Häusern aus. Der vordere Teil des Areals wird zusammen mit dem Sportplatz San Siro, der bestehen bleibt, zum Park. «Das Gebiet eignet sich ideal dafür, dass neue Wohnformen ausprobiert werden können», sagte Tschäppät. Ihm schwebt vor, dass im Wettbewerb des Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik ausgelotet wird, wie auf die Bedürfnisse der künftigen Bewohner abgestimmt gebaut werden könnte: «Es gibt Leute, die verzichten lieber auf eine Waschmaschine in der Wohnung und zahlen dafür weniger Miete.» Als Bauträger seien durchaus Wohnbaugenossenschaften möglich.
Nicht zuletzt wegen des innovativen Ansatzes des Niedrigstandard-Wohnens – was nicht mit Sozialwohnungen gleichzusetzen ist – zeichnete der Kanton Bern 2009 das Projekt als «kantonalen Entwicklungsschwerpunkt Wohnen» aus.
Widerstand
Die Gegner der Vorlage haben sich schon vor Jahren gegen eine Überbauung der Grünfläche rund um das Schloss Holligen gewehrt. Vor knapp 20 Jahren hatte die SP Holligen Erfolg mit ihrer Initiative «Schlossmatte bleibt grün». Die Partei lehnt laut einer Mitteilung das Vorhaben ebenfalls ab, wenn das Gebiet nur teilweise überbaut würde. Auch dies sei ein «massiver Eingriff» in den Grüngürtel. Ein erster Anlauf des Gemeinderats scheiterte 2004 bereits in der Mitwirkung an der Opposition aus dem Quartier. Die Regierung zog die Vorlage zurück.
2009 startete die Stadt einen neuen Versuch. Sie bettete das Vorhaben in eine Gesamtplanung ein und bezog die Bedürfnisse der Anwohnerschaft und der Verbände mit ein. Doch auch bei der neuerlichen öffentlichen Auflage im Herbst 2010 hagelte es 212 Einsprachen. Die Grüne Partei Bern (GPB) bezeichnet die Absicht der Regierung, Wohnungen mit einfachem Standard anzustreben, als «abstimmungstechnischen PR-Trick».
Für Stadtpräsident Alexander Tschäppät ist es angesichts dieser Schwierigkeiten logisch, dass die Wohnstadt Bern möglichst breit gefächert weiterzuentwickeln ist. Er führte 36 grössere und kleinere Flecken auf, in denen das Stadtplanungsamt das Terrain bereitet, um dringend benötigte Wohnungen zu bauen.
(Berner Zeitung)
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